Universität als Milieu interkultureller Wechselwirkungen

am Beispiel der Staatlichen Universität Nowosibirsk

 

Ein Forschungsvorhaben von

Sergej Filippov (Nowosibirsk)

 

Projektbeschreibung

Hauptbegriffe: Milieu der interkulturellen Wechselwirkungen wird als Gesamtheit verschiedener Aktionen, Veranstaltungen, Institutionen (Klubs, Vereine u.a.) betrachtet, die sich als Formen der interkulturellen Wechselwirkungen, Sozialisierung und Inkulturation erkennen lassen.  

Warum ist die Universität als ein Milieu der interkulturellen Wechselwirkungen zu betrachten? Heutige Universitäten bilden günstige Voraussetzungen zur Herausbildung und Entwicklung mannigfaltiger interkultureller Wechselwirkungen und sind Institutionen, in denen Inkulturation und Sozialisierung von Jugendlichen stattfinden. Als Regel befinden sich Universitäten in Großstädten. Studenten kommen aus Regionen bzw. Ländern, die sich in soziokultureller Hinsicht  voneinander wesentlich unterscheiden können. Außerdem kommen Studenten aus verschiedenen sozialen Schichten. Für Universitäten sind interkulturelle Wechselwirkungen auf mehreren Niveaus charakteristisch: auf dem interregionalen Niveau,  auf dem interethnischen und dem internationalen Niveau sowie Wechselwirkungen, an denen Vertreter verschiedener sozialer Gruppen teilnehmen. Diese Wechselwirkungen sind sehr vielseitig: einige sind institutionalisiert und nachhaltig von der Universitäts- bzw. Fakultätsadministration organisiert, gefördert und kontrolliert, andere dagegen entstehen, entwickeln sich und existieren, unabhängig von den Wünschen, Absichten und der Förderung der Administration, am Rande der "offiziellen Kulturpolitik" der Universität, manchmal trotz dieser. Sie sind nicht beständig, "marginal", und schon deshalb  ist ihre Erforschung von besonderer Aktualität.  

Das alles bezieht sich auch auf die Staatliche Universität Nowosibirsk (weiterhin: NSU), die zu den bekanntesten Universitäten Russlands gehört. Die NSU wurde 1959 im Wissenschaftszentrum Nowosibirsk (im so genanntem Akademgorodok) gegründet und bildet hochqualifizierte Fachleute für Forschungsinstitute der Sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften Russlands aus. Die Studierenden an der NSU kommen nicht nur aus der Stadt und den Gebiet Nowosibirsk, sondern aus ganz Sibirien, Fernost und den GUS-Staaten (z.B. Kasachstan).  

Seit der Gründung ist für die NSU ein aktives und vielfältiges Studentenleben typisch, zum großen Teil bzw. völlig von der Universitäts- und Fakultätsadministration unabhängig, was günstige Voraussetzungen für die intensive interkulturelle Wechselwirkung und Sozialisierung von Jugendlichen verschiedener sozialer und kultureller Herkunft in die Universitätsgemeinschaft und in die moderne Gesellschaft schafft. Dazu gehören in erster Linie das so genanntes "Poswjaschenie" (Ritual der Aufnahme in den Studentenstand), die "Internationale Woche" sowie die Tätigkeit der Studentenklubs, die fast an jeder Fakultät existieren. Die "Blütezeit" dieser studentischen Veranstaltungen und Institutionen umfasst den Zeitraum zwischen dem Ende der 80er Jahre des XX. und dem Anfang des XXI. Jahrhunderts. Zurzeit werden Tendenzen zur Verdrängung von "nicht formellen" studentischen Aktivitäten an der NSU immer spürbarer: sie werden als "Manifestationen  schlechten Geschmacks", als "amoralisch" und sogar "wandalisch" kritisiert. 

Aktualität des Themas der Erforschung und Forschungsproblem

Wie bereits erwähnt, wächst in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts an der NSU das Interesse an verschiedenen kulturellen Traditionen und so genannten Subkulturen, religiösen und politischen Bewegungen usw., was die Herausbildung von "formellen" und "nicht formellen" Klubs und Vereinen sowie mannigfaltige Veranstaltungen, Aktivitäten und Aktionen im kulturellen Bereich verursacht. Diese Situation spiegelt auf dem Niveau der lokalen Universitätsgemeinschaft soziokulturelle Prozesse auf globalem Niveau, die seit dem Ende des XX. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung gewinnen: rasches Ansteigen der Popularität von regionalen und lokalen Kulturen, Herausbildung neuer Lebensstile, "kulturelle Renaissance". Diese Differenzierung und Zunahme der Komplexität der kulturellen Landschaft in der postindustriellen Gesellschaft verläuft gleichzeitig mit dem wachsenden kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Einfluss der westlichen Zivilisation, was den ganze Prozess der Globalisierung widersprüchlich macht und die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler im Bereich der Soziologie, Geschichte, Kulturwissenschaft, Philosophie (Habermas, Toffler, Huntington, Rudometoff, Robertson, Cheshkov usw.) weckt. Während die multikulturelle Gesellschaft, deren Voraussetzungen und Auswirkungen der "Renaissance" von regionalen bzw. lokalen Kulturen sowie religiösen Traditionen auf dem internationalen, globalen Niveau intensiv erforscht werden, werden dieselben Prozesse mit ihrer Spezifik in lokalen Gemeinschaften wie z.B. in Universitätsgemeinschaften außer Acht gelassen. 

Es gibt z.B. überhaupt keine Forschungen, in denen studentische Veranstaltungen wie z.B. "Poswjaschenie" als Formen der interkulturellen Wechselwirkungen bzw. der Sozialisierung untersucht werden, in denen die Kontinuität moderner studentischer Veranstaltungen und Institutionen mit früheren, "traditionellen" Praktiken und Formen der interkulturellen Wechselwirkungen analysiert wird, obwohl schon oberflächliche Vergleiche eine solche Kontinuität feststellen lassen. Es ist sehr wichtig, Informationen über Formen der studentischen Aktivitäten und der authentischen studentischen Traditionen als Elemente der heutigen Folklore einzusammeln, bis sie nicht verdrängt sind und im Gedächtnis von Teilnehmern bleiben. Es sei darauf hingewiesen, dass studentische Veranstaltungen und Institutionen verdrängt werden und Daten, Information sowie Erfahrungen, die kaum zu überschätzen sind, für immer verloren gehen können.  Da ich seit 5 Jahren an der Fakultät für Fremdsprachen der NSU als Prodekan für soziale Angelegenheiten tätig bin und deswegen alle studentischen Veranstaltungen im kulturellen Bereich betreue, habe ich viele Materialien zum Thema der Forschung (dazu gehören auch Fotos und Videoaufnahmen) gesammelt und bin auch deshalb imstande, das Forschungsvorhaben zu verwirklichen.  

Bei der Betrachtung des Prozesses der Globalisierung durch die Kombinierung verschiedener Niveaus der Analyse, und zwar des Mikro- und des Makroniveaus, kann das Problem der Erhaltung kultureller Vielfältigkeit und  Identität im urbanisierten, "kosmopolitischen" Sozium im Laufe der Sozialisierung der Jugendlichen von verschiedenen Regionen, unterschiedlicher ethnischer, kultureller, religiöser Zugehörigkeit im Rahmen einer gemeinsamen Gesellschaft neu gestellt werden.  Die Universitätsgemeinschaft bietet sehr wertvolle Materialien zur Auseinandersetzung mit diesem Problem.  

Ziel des vorgeschlagenen Projekts

Das Ziel des vorgeschlagenen Projekts besteht darin, Formen der kulturellen Wechselwirkungen zu erforschen, die im Zeitraum zwischen 1990 und 2005 an der Staatlichen Universität herausgebildet wurden sowie Bedingungen der Herausbildung dieser Formen festzustellen. 

Forschungsaufgaben

Um das formulierte Ziel zu erreichen, sind folgende Forschungsaufgaben zu erfüllen: 

1) Anhand der Analyse von Ideen und Konzeptionen russischer und ausländischer Forscher im Bereich der Sozialphilosophie, Soziologie, Kulturwissenschaft ist eine Klassifikation von Formen der interkulturellen Wechselwirkungen, Sozialisierung bzw. Inkulturation zu entwickeln, die für die gegenwärtige Welt charakteristisch sind.  

2) Aktionen, Veranstaltungen, Institutionen im Bereich der inkulturellen Wechselwirkungen feststellen, die von 1990 bis 2005 an der NSU entstanden sind bzw. sich wesentlich veränderten. Dazu gehören: 

3) Teilnehmer und Organisatoren der o.g. Veranstaltungen / Institutionen charakterisieren (Anteil an allen an der NSU Studierenden, Durchschnittsalter, Angehörigkeit zu Fakultäten, Motive zur Teilnahme).  

4) Funktionen, Ziele, Rolle der zu erforschenden Veranstaltungen, Aktionen, Vereine usw. im Prozess der Sozialisierung und Inkulturation in die Universitätsgemeinschaft feststellen sowie diese Veranstaltungen / Institutionen den Formen der interkulturellen Wechselwirkungen bzw. Sozialisierung/ Inkulturation (Aufgabe 1) zuordnen.  

5) Bedingungen der Herausbildung von zu erforschenden Veranstaltungen / Institutionen als Formen der interkulturellen Wechselwirkungen feststellen. 

Methoden der Durchführung

Zu den Methoden der Durchführung des Forschungsvorhabens gehören: Umfrage, Interview, Analyse von Dokumenten verschiedener Art (zum Einsammeln von empirischen Materialien); vergleichende Analyse und Begriffsrekonstruktion zur Zuordnung  der zu erforschenden Institutionen und Veranstaltungen und Formen der interkulturellen Wechselwirkungen; Kausalanalyse zur Feststellung der Bedingungen der Herausbildung von zu erforschenden Veranstaltungen / Institutionen als Formen der interkulturellen Wechselwirkungen.    

Organisation

Als organisatorische Form der Durchführung des Projekts ist ein Spezialseminar an der Fakultät für Fremdsprachen der NSU als Form der Präsentation, Besprechung und Auswahl von vorläufigen Forschungsergebnissen von Projektteilnehmern denkbar. 

Präsentation der Ergebnisse und

internationale Weiterentwicklung des Projekts

Kollektive Monographie "Universität als Milieu der interkulturellen Wechselwirkungen (am Beispiel der Staatlichen Universität Nowosibirsk)". Als Weiterentwicklung des Projekts wird die Kooperation mit KollegInnen aus anderen Hochschulen der Stadt Nowosibirsk, aus anderen Hochschulen Russlands und aus dem Ausland angestrebt.

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