Eines Tages als der Herbstwind schon kalt und nass über das Land blies, saß ein gutes altes Pferd in seiner Hütte. Die Hütte des Pferdes hatte schon bessere Tage gesehen. Der Herbstwind konnte durch die Ritzen in den Wänden pfeifen wie er wollte und so war es darinnen kalt und ungemütlich. Was sollte ein altes Pferd mit gutem Herzen schon dagegen tun. Es saß darum auch nur an seinem Fenster und schaute traurig hinaus.
Da entdeckte es auf dem Zaun gegenüber seiner Hütte einen kleinen Spatzen. Er plusterte sich immer wieder auf und versuchte, sein nasses Gefieder zu trocknen. Aber bei dem kalten Wind wollte das nicht so recht gelingen. Er schien erbärmlich zu frieren. ‚Dem geht’s tatsächlich noch schlechter als mir’, dachte das Pferd mit dem guten Herzen. ‚Wenn bei mir auch kalt ist, so habe ich es doch wenigstens trocken und ein Dach über dem Kopf.’ Das Pferd mit dem guten Herzen mochte es gar nicht mit ansehen, wie sehr der kleine Spatz fror und darum rief es ich zu sich in seine Hütte.
„Komm zu mir, Spatz. Hier hast du’s wenigstens trocken.“
Der Spatz freute sich und eilte herbei. Er setzte sich vor den qualmenden Ofen und tschilpte dem Pferd ein Dankeschön.
„Ach was, Dank! Zu zweien ist es doch lustiger als allein. Vielleicht wird es uns wärmer, wenn wir von besseren Tagen plaudern. Wärm’ du dich auf, ich gehe auf den Markt und verkaufe Reisig. Dann will ich uns einen Sack Hafer mitbringen und wir machen uns ein schönes Essen.“
Das Pferd war einen halben Tag unterwegs. Erst musste es aus dem Wald das Reisig zusammen suchen, dann es zum Markt bringen und verkaufen und den Hafer aussuchen.
Als es zurück zu seiner Hütte kam, herrschte dort eine rege Betriebsamkeit. Alle möglichen Tiere tummelten sich dort und machten sich an dem alten Haus zu schaffen. Eines sägte Bretter, ein anderes brachte Moose und Flechten für die Ritzen herbei, ein dritter spaltete Holz für den Ofen und andere brachten die Vorräte für den Winter.
Das Pferd freute sich und kochte einen riesigen Topf mit Milch und Hafer. Es lud alle Helfer an einen Tisch und stellte dem Spatzen den versprochenen Haferbrei hin.
Neben dem Spatzen hatte ein Küken Platz genommen, das hatte sich an dem Herdsockel zu schaffen gemacht.
„Wie bist du hierher gekommen?“, fragte das Pferd.
„Der Spatz hat mich eingeladen“, antwortete das Küken. Da bewirtete das Pferd mit dem guten Herzen auch das Küken mit einem Schüsselchen Brei.
Neben dem Küken saß die Ente. Sie hatte Moos und Gräser in die Ritzen der Wände gestopft. So konnte der Wind nicht mehr durch die Wände pfeifen und die Ofenwärme blieb in der Hütte.
„Wie bist du hierher gekommen?“, fragte das Pferd.
„Das Küken hat mich eingeladen“, antwortete die Ente. So stellte das Pferd auch ihr eine Schüssel Haferbrei hin.
Neben der Ente saß eine Gans, die hatte Wasser geholt und bereit gestellt.
„Wie kommst du in meine Hütte“, fragte das Pferd.
„Die Ente hat mich eingeladen.“
„Dann will ich dich auch gern bewirten“, antwortete das Pferd und stellte eine Schüssel vor die Gans.
Neben der Gans saß ein Ferkel. Das hatte Holz zu Scheiten gespalten und sauber neben dem Ofen aufgeschichtet.
„Wie bist du hierher gekommen?“, fragte das Pferd.
„Mich hat die Gans eingeladen“, antwortete das Ferkel.
Neben dem Ferkel hatten die Waldtiere Platz genommen.
Sie hatten Vorräte mitgebracht. Da war das Eichhörnchen, das Nüsse und Eicheln herbei geholt hatte.
„Wie kommst du hierher?“, fragte das gute Pferd.
„Mich hat das Ferkel eingeladen“, erwiderte das Eichhörnchen.
„Dann lass’ es dir schmecken“, antwortete das Pferd und stellt ihm eine Schüssel Brei hin.
Neben dem Eichhörnchen saß ein Bär, der einen großen Topf Honig gebracht hatte.
„Wie kommst du in meine Hütte?“, fragte das Pferd mit dem guten Herzen.
„Das Eichhörnchen hat mich mitgebracht“, antwortete der Bär.
„Dann sei willkommen“, sagte das Pferd.
Und so ging es noch eine ganze Weile. Schließlich gelangte das Pferd zu einem Hund. Er hatte die ganze Zeit über die Hütte und die Arbeiten bewacht. „Wie kommst du hierher?“, fragte das Pferd.
„Ich habe mich selbst eingeladen“, sagte der Hund.
„Ach, das ist auch Recht“, sagte das Pferd, „Von nun an wollen wir gemeinsam hier wohnen und es uns gut gehen lassen. Wir wollen uns die Arbeit und den Brei teilen und wenn auch nicht viel Platz ist, so gehen doch geduldige Schafe viele in einen Stall.“
© Bettina Klamann - Pferdemärchen.de
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