MARIA NIKOLAJEWNA WOLKONSKAJA

Auszug aus: Christine Sutherland
Lieselotte Remané - Nachwort zu:
Erinnerungen der Fürstin Maria Wolkonskaja
Zum Hörspiel
"Deiner fernen Wüste Trauer - Die Erinnerungen der Maria Wolkonskaja
Auszug aus Christine Sutherland: Die Prinzessin von Sibirien
(Buchhinweise am Ende)
Im Herbst 1844 lebten Maria und die Kinder in Irkutsk in einem großen zweistöckigen Haus, das aus gut abgelagertem Holz erbaut war, mit hübschen handgemalten Verzierungen um Fenster und Haustür. Die Zimmer waren geräumig und gut geschnitten, mit hohen Decken und großen eingebauten Kachelöfen. Das Licht strömte durch sauber eingepaßte große Doppelfenster herein, die die wütenden Stürme und die arktische Kälte abhielten. Das Haus lag ein bißchen zurückgesetzt, durch einen hohen weißen Lattenzaun von der Straße getrennt; ein breites, gewölbtes Tor führte in einen weiten Hof mit mehreren Nebengebäuden, Unterkünften für die Dienerschaft und Stallungen. Sibirische Kiefern und weiße Birken umgaben es von allen Seiten. Diese großartige Wohnung, die sie von einem wohlhabenden Pelzhändler gekauft hatte, der mit seiner Familie nach Tobolsk zog, war eine gewaltige Veränderung gegenüber der Kosaken-Isba in Blagodatsk, der Hütte in Tschita, den finsteren Gefangenen-Unterkünften in Petrowskij Sawod und sogar dem malerischen, aber ziemlich primitiven Kamtschatnik in Unk. Daß Maria es erwerben konnte, war ein großer Glücksfall und ermöglicht worden durch die Hilfe des Kaufmanns Belogolowoj, des Vaters von Poggios Schüler Nikita und Mitbesitzers des Irkutsker Warenhauses. Er hatte seinen Freund und Kollegen, den Pelzhändler, überredet, es »der Fürstin zu einem vernünftigen Preis zu überlassen«. Diesmal traf es sich zur Abwechslung einmal günstig für die Wolkonskijs: nach dem Tode von Marias Mutter waren die großen Ländereien von Marias Urgroßvater M. V. Lomonossow bei Oranienbaum am Finnischen Meerbusen (die ihm die Zarin Katharina geschenkt hatte) an Jekaterina Orlowa gefallen, unter der Bedingung, daß sie einen beträchtlichen Teil der Einkünfte an Maria weitergäbe. Jekaterina schlug eine Pauschalzahlung vor. Das Ergebnis der Verhandlungen zwischen den Schwestern steht nicht fest - etwas Bitterkeit darüber zeigt sich später -, aber es scheint so, als ob Maria in diesem Augenblick froh war, eine Summe zur Verfügung zu haben, die es ihr ermöglichte, ein Haus zu kaufen, das ihrem früheren Sozialstatus mehr entsprach. Nicht, daß sich ihr »offizieller« Status mit dem Umzug nach Irkutsk sehr geändert hätte. Noch 1847 wurde sie in den städtischen Polizeiakten als »Frau des Staatsverbrechers Wolkonskij« geführt. Aber diese Benennung war Bürokratie. In der Stadt war sie als »unsere Fürstin« bekannt.
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Marias Haus existiert noch. Es steht in einer ruhigen
Nebenstraße in der Altstadt von Irkutsk, wo die Gassen voller reich verzierter
Holzhäuser noch nicht Betonbauten Platz gemacht haben. Es hat auch das große
Feuer von 1879 überlebt, und als ich 1980 dort war, war es ein Teil des Dekabristen-Museums, auf das die Stadt sehr stolz ist. (Der andere Teil des
Museums ist in dem ehemaligen Trubezkoj-Haus untergebracht.) Mehrere gut
erhaltene Möbelstücke der Wolkonskijs stehen noch an ihrem Platz, einschließlich
Marias Klavichord; auf dem Fußboden von Marias Schlafzimmer liegt eine sehr
schöne Orientbrücke, und es gibt eine beeindruckende Anrichte, auf der sie
wahrscheinlich bei Abendgesellschaften die Speisen aufbaute. Sie hatte sie 1853,
vor dem Besuch von Sergejs Schwester Sophia, aus Petersburg kommen lassen. An
den Wänden hängen Reproduktionen von Bestuschews Gemälden aus Tschita und
Petrowskij Sawod und Porträts der Dekabristen aus späterer Zeit. Von Marias
Schlafzimmer aus blickt man über das, was wahrscheinlich ein großer Garten war
und jetzt eine Ansammlung von häßlichen Miethäusern ist; trotzdem hat dieser
Raum eine Atmosphäre von Authentizität. Die Täfelung aus Naturzedernholz, die
ihn warm und anheimelnd macht, ist dieselbe, auf die vor einhundertvierzig
Jahren Maria geschaut hat, wenn sie aufwachte; die blau angemalten Fensterläden
sind genau die, die sie hat machen lassen, um das Heulen des Windes
auszuschließen; ihr Bett ist fort, aber ihr Schreibtisch, ein kleiner
französischer 9critoire mit vergoldetem Bronzezierat auf den Schiebladen - ein
Geschenk von Katjuscha Trubezkoj -, steht links vom Fenster und beschwört den
Geist seiner Besitzerin am stärksten herauf. An der Wand darüber hängen Kopien
von mehreren Puschkin-Gedichten und von Nekrassows Eulogie auf Maria. Überall im
Haus gibt es rührende Andenken an die Gefängniszeit: Stickereien von Maria,
Pauline Annenkowa und Katjuscha; einen Eisenkessel, in dem Maria und Katjuscha
in Blagodatsk ihre ersten Kochversuche unternahmen; Kräuter, die Alessandro
Poggio für Dr. Wolffs Apotheke gesammelt hatte - völlig ausgetrocknet und nicht
mehr erkennbar liegen sie unter Glas; Armreifen, die Bestuschew aus Fußfesseln
der Gefangenen gemacht hatte, und die berühmten, schweren eisernen
Dekabristen-Trauringe, die die Frauen bis zu ihrem Tode trugen. Viele der Bäume
sind natürlich verschwunden, aber eine herrliche sibirische Kiefer neben dem
gewölbten Tor müßte schon zu Marias Zeiten da gestanden haben, und eine Gruppe
von silbrigen Birken umgibt den bezaubernden weißen Glockenturm einer alten
Kirche, die, wie man mir sagte, inzwischen als Lagerhaus dient. Nahe dem Tor zum
Hof, wo die Ställe waren, steht eine kleine hölzerne Bank, die so aussieht, als
hätte sie seit urewigen Zeiten dort gestanden. Man könnte sich vorstellen, daß
Maria dort gesessen und gewartet hat, daß der Wagen aus dem Wirtschaftstrakt
kam, mit dem sie in die Stadt fahren wollte.

Dom Wolkonskij - Dekabristenmuseum in Irkutsk (Rückansicht)
Ende April 1844 war Maria mit ihrer Dienerschaft, Mascha, Liutik und den Kindern
in das Haus eingezogen. Es wurde noch zusätzliche Hilfe angeheuert. Für Mischa,
der später in die höhere Schule eintreten sollte, kam ein Hauslehrer. Eine
französische Lehrerin, Mademoiselle Millard, die Alexander Rajewskijs Frau
empfohlen hatte, war bereits auf dem Weg von Moskau hierher; sie sollte Jelenas
Gouvernante werden. Aus Petersburg wurden Möbelstücke und Porzellan abgeschickt.
Es unterschied sich alles sehr von Marias erstem Besuch mehr als siebzehn Jahre
zuvor, als sie auf dem Weg zu den Blagodatsker Minen ihre Reise hatte
unterbrechen müssen, um General Zeidlers grausame Forderungen zu unterschreiben.
Es war herrlich, wieder so etwas wie ein zivilisiertes Leben führen zu können,
auch wenn sie immer noch als »Frau eines Staatsverbrechers« geführt wurde und
ihr Mann noch immer unter strenger Polizeiüberwachung stand.

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»Das Äußere von Irkutsk und das Leben seiner Bewohner erscheint in hohem Grade
behaglich«, schrieb Adolph Erman, Weltreisender, Mathematiker und Physiker, in
seiner »Reise um die Erde durch Nordasien und die beiden Ozeane«. »Während der
genannten Dauer meines Aufenthalts in der Hauptstadt und deren Umgegend war der
Himmel fast ohne Ausnahme unbewölkt und von äußerst dunkelblauer Farbe . . .
Seit Anfang März verging kein Tag, ohne daß es an sonnigen Orten aufs heftigste
getaut hätte . . . Doch mußte nun wieder . . . ein tuchener Frack und ein
Mantel, der nur mit Hasenfell gefüttert war, die ostjakischen Kleider vertreten.
Auf den Straßen der Stadt lag ungleich weniger Schnee als in anderen sibirischen
Orten, und die mit Holz belegten Fußwege neben den Häusern waren davon völlig
rein. Die Klarheit der Atmosphäre und die starke Beleuchtung verliehen der
Landschaft einen besonderen Reiz, indem sie entfernte Gegenstände dem Auge näher
rückten und den Glanz der Farben erhöhten. «
Die Stadt liegt auf einem Hochplateau zwischen den Bergen, weit entfernt vom
Meer, sie hat das typische trockene und sonnige Kontinentalklima, das Maria sehr
gut bekam. Ihre Gesundheit, die in den Jahren der alles durchdringenden
Feuchtigkeit in Petrowskij Sawod und in Urik, wo der Nebel vom Fluß ihre
Bronchien angegriffen hatte, sehr geschwächt worden war, besserte sich
gründlich; ihre alte Vitalität kehrte zurück und mit ihr ihre Wirkung auf
Menschen.
Die Irkutsker »Gesellschaft« bestand aus Offizieren aus dem Stab des
Gouverneurs, einer großen Zahl von zivilen Beamten aus der Verwaltung der
Provinz und ihren Frauen, einer Handvoll von Wissenschaftlern, die aus
Petersburg geschickt worden waren, um die Tier- und Pflanzenwelt am Baikal-See
zu untersuchen, Lehrern von der höheren Schule, Leuten von der Marine, die sich
um die Navigation auf dem Baikal-See und um die Flußverbindungen mit dem
Nordosten kümmerten, ein rundes Dutzend Priestern und etwa sechzig Familien
reicher Kaufleute, die im Grunde die Beamten verachteten, auch wenn sie nach
außen hin mit ihnen zusammenarbeiteten. Ihre Frauen allerdings waren sehr
erpicht darauf, »dazuzugehören«. Man machte große gesellschaftliche Unterschiede
zwischen den Frauen von »rein russischem Blut« und jenen, deren Vorfahren ihre
Blutlinie durch die Heirat mit Burjäten »verwässert« hatten. Marias Beschreibung
zufolge waren diese Frauen »vierschrötig und muskulös, dunkelhäutig und
schlitzäugig«. An der Spitze der sozialen Pyramide stand der Generalgouverneur
mit seiner Frau.

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In Sibirien hatte sich keine Oberschicht etabliert wie in Bußland, es gab keine
Aristokratie, keinen Landadel; Zivilbeamte und Militärs, die die Autorität des
Zaren verkörperten, wurden oft als feindliche Garnison betrachtet, die der
siegreiche Gegner ihnen auferlegt hatte; die Beziehungen zwischen ihnen und den
Kaufleuten waren oft gespannt. Trotzdem hielt man sich in Irkutsk wie in allen
Provinzstädten im ganzen russischen Reich an das strenge Kastensystem, den
Tschin (Rang, Klasse). Der Tschin war von Peter dem Großen eingeführt worden und
erreichte seine größte Wirksamkeit während der Regierung Nikolais 1., der seine
Genauigkeit schätzte. Es stellte jeden Mann auf eine bestimmte Stufe, gab jedem
seine Uniform, sei er Militär oder Zivilbeamter (Tschinownik); es gab insgesamt
vierzehn Klassen, und die herrschende Hierarchie war streng und unwandelbar; sie
schloß den Aufstieg zu höherem Glanz ein, von dem niederen
»Assessoralassistenten« zum »wirklichen Assessor« oder vom »Hilfsinspektor« zum
»Generalinspektor« und so weiter - wie in Gogols Schauspiel. Wer einen Kurs an
einem der höheren Bildungsinstitute in Moskau oder Petersburg absolviert hatte,
war automatisch für einen Rang qualifiziert. Dasselbe galt natürlich für die
Armee und den Adel, wo die Männer je nach ihrem militärischen Rang oder ihrem
Titel eingestuft wurden. Künstler stellten ein Problem dar, denn Kunst oder
künstlerische Betätigung wurde nicht als Beruf angesehen, und da es absolut
notwendig war, daß jeder zu einer bestimmten Kategorie gehörte, wurden Malern,
Musikern und Schriftstellern erfundene Dienstgrade und Beschäftigungen
zugeteilt. Der Komponist Borodin, Chemiker von Beruf, wurde als Angehöriger der
zweiten Gilde, Klasse acht geführt; Mussorgski, als Offizier in der
Preobaschenskij-Garde, hatte seinen militärischen Rang; Puschkin war ein
Kammerherr, das war der erste Rang bei Hofe für einen Adligen.
Als der Amerikaner George Kennan im Lauf seiner Reise durch Sibirien 1870 den
Dalai-Lama in seinem exotischen Lamakloster an der Selenga besuchte, fragte ihn
der russische Dolmetscher, der ihn zu dem Treffen begleitete, ob er »ein Fürst
oder wenigstens ein Graf« wäre. Als er hörte, daß Kennan keins von beiden war,
bestand er darauf, daß Kennan einen Titel für sich erfinden müßte, »je
hochtrabender, desto besser«. Kennans Weigerung und seine Erklärung, er sei ein
»freier Amerikaner«, der auf eigene Faust und auf eigene Kosten reiste, ließ man
nicht gelten. Er wurde dann zu seiner Belustigung dem Lama vorgestellt als »der
sehr hochgestellte Gesandte vom kaiserlichen Großland über dem Meer«.
Die Ankunft einer echten Fürstin mit einem berühmten, geschichtsträchtigen Namen
war eine Sensation für die Stadt. Auch wenn sie offiziell die »Frau eines
Staatsverbrechers« war. Die Frauen wetteiferten miteinander, ihr einen Besuch zu
machen und sic und die Kinder einzuladen, doch anfangs weigerte sich Maria, sich
in den gesellschaftlichen Trubel zu stürzen. Ihre Stellung war immer noch
schwach. General Rupert war, wenn er sich auch in der letzten Zeit ihr gegenüber
wohlgesinnt gezeigt hatte, ein unsicherer. Verbündeter. Eine falsche Bewegung,
und die Erlaubnis für Mischa, die höhere Schule zu besuchen, konnte widerrufen
werden. Es war besser, behutsam vorzugehen, und außerdem wollte sie sowieso erst
mit den normalen Menschen bekannt werden. Wie fast alle ihre Mitverbannten
mochte Maria die Menschen Sibiriens, die viel unabhängiger waren als die
Menschen im europäischen Rußland und dazu intelligent und zuverlässig. Die
sibirischen Kinder der russischen und kosakischen Siedler wußten nichts von der
Macht der Großgrundbesitzer, die Leibeigenschaft war in Sibirien unbekannt. Die
riesigen Entfernungen ersparten dem normalen Bauern den allzu häufigen Kontakt
mit Staatsbeamten und machten ihn unabhängig und stolz. Die Gefahren und
Schwierigkeiten des täglichen Lebens in den abgelegenen Dörfern hatten ein Volk
hervorgebracht, das einfallsreich, offen und hilfsbereit war, aber auch
jederzeit zum Widerstand bereit, wenn man es ausnutzte. Die meisten dieser
Menschen hießen die politischen Verbannten willkommen und respektierten sie
wegen der Opfer, die sie in ihrem Kampf für die Abschaffung der Leibeigenschaft
hatten bringen müssen.
Gefolgt von ihrer treuen Zofe Mascha und ihrem Diener und oft begleitet von
Poggio, der auch in die Stadt gezogen war, sah man Maria oft im Gostinij Dwor
herumstöbern. Das war der alte Irkutsker Basar, das Warenhaus, ein solider
Steinbau, der schon aus dem siebzehnten Jahrhundert stammte, aus der
Gründungszeit der Stadt. Das Dach war mit Gras und Unkraut überwachsen, an den
Wänden zogen sich endlose Reihen von Ständen und Buden entlang, wo Einzelhändler
eine riesige Vielfalt von Erzeugnissen aus China und Europa feilboten. Um sie
drängten sich zu den Geschäftsstunden Menschenmengen, russische Bauern,
burjätische Stammesangehörige, Mongolen, Kosaken und Frauen aus der Stadt, die
um jede Art von Ware zu handeln und zu feilschen schienen. Das reichte von
chinesischem Tee und Seide aus Kjachta bis zu russischen Telegas, feinem
Petersburger Porzellan und getragenen Stiefeln. Maria liebte das Gostinij Dwor;
es machte ihr Spaß, mit den Ladeninhabern zu reden und sie über ihre Reisen und
über die Herkunft ihrer Waren auszufragen; von diesen Beutezügen kehrten sie und
Poggio dann mit wertvollen Stücken für die Einrichtung ihres neuen Hauses heim.
Die Burjäten waren alte Freunde; viele von ihnen kamen im Winter täglich aus den
Bergen herunter und brachten Heu in Ochsenschlitten; andere ritten in
pelzgefütterten Umhängen in die Stadt, die sie malerisch über die linke Schulter
geschlagen trugen, was, wie sie bemerkte, »auch dem Ärmsten einen Anflug von
Eleganz verlieh«. Jeder Burjäte trug seine Rauchutensilien am Gürtel, und seine
Teetasse zeichnete sich unter der Brust seines Wamses ab. Sie sprach in ihrer
eigenen Sprache mit ihnen, zur großen Verblüffung der Leute im Basar.

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Das Findelhaus machte ihr große Sorgen, aber auch hier wagte sie noch keine
volle Hilfe anzubieten. In einem baufälligen Haus am Stadtrand, über dem Ufer
der Angara, wurden mehr als 370 Kinder aufgezogen. Die meisten waren von
russischen Siedlern gezeugt, die sich geweigert hatten, die Kinder anzuerkennen.
Niemand schien zu wissen, wie man eine solche Einrichtung betrieb. Die Härte des
Klimas, die Unmenschlichkeit und Nachlässigkeit mancher Mütter und die
Unfähigkeit der Pflegerinnen waren für die erschreckend hohe
Säuglingssterblichkeit verantwortlich. Anfangs konnte Maria nicht mehr tun, als
es regelmäßig aufzusuchen, nach und nach aber auch praktische Vorschläge zu
machen und vorsichtig finanzielle Hilfe anzubieten. Aber auch so verbreitete
sich die Nachricht von ihrem Interesse schnell in der Stadt (von den Frauen der
reichen Kaufleute hatte nie eine das Findelhaus besucht), weckte Bewunderung und
steigerte die Achtung, die man ihr entgegenbrachte. Diese Hochachtung von seiten
der Bevölkerung brachte ihr Ärger nut dem Gouverneur ein.
Das war kurz nach Weihnachten, während der Karnevalssaison. Gouverneur Rupert,
der gerade nach Petersburg zurückgerufen worden war, hatte einen hervorragenden
Geiger und einen Pianisten aus Tobolsk aufgefordert, ein Konzert zu geben. Es
sollte ein besonderes Fest sein, kurz vor der Abreise des Gouverneurs, und alle
Einwohner waren eingeladen. Irkutsk hatte keine Konzerthalle und kein Theater,
deshalb mußte die Veranstaltung im Gostinij Dwor stattfinden, das aus diesem
Anlaß teilweise geräumt worden war.

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Seit Maria klassische Musik, die sie so liebte, gehört hatte, war viel Zeit
vergangen; an diesem Tag beschloß sie ganz spontan, zu dem Konzert zu gehen und
Jelena mitzunehmen. Sie wollte außerdem mit den Kindern zusammensein, mit denen
sie wochenlang in der Grundschule Weihnachtslieder eingeübt hatte. Sie war stolz
darauf, daß es ihr innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen war, einen
tüchtigen Kinderchor aufzubauen: Zum ersten Mal seit Jahren hatte Irkutsk seine
eigenen Weihnachtssänger gehabt, Kinder, die in phantasievolle biblische Kostüme
gekleidet von Haus zu Haus gingen. Alle waren begeistert gewesen, vor allem die
Älteren waren »der Fürstin« dankbar, daß sie die Bräuche des alten Rußland an
diesen rauhen Grenzort gebracht hatte.
Der wuchtige Steinbau war schon voll, als Maria und ihre Tochter ankamen. Jede
Bank und jeder Schemel waren besetzt, und auch auf Heuballen am Boden hockten
die Leute. Mutter und Tochter hielten am Eingang kurz an; das flackernde Licht
an der Tür beschien sie deutlich. Ein Augenzeuge berichtete, daß »plötzlich
etwas Unglaubliches geschah. In einer einzigen unwillkürlichen Bewegung erhob
sich das gesamte Auditorium und applaudierte - nicht den Musikern, die eben ihre
Plätze auf dem Podium einnehmen wollten, sondern >der Fürstin<. Die Menschen
traten zurück, es öffnete sich eine Gasse, und die Fürstin ging mit ihren
leichten Schritten, die Tochter an der Hand, nach vorn; man führte sie zu zwei
Stühlen gleich hinter dem Gouverneur und seiner Frau.«
Maria war tief gerührt und viel zu überrascht, um zu überlegen, was der
Gouverneur davon halten würde. Er hatte sich umgedreht und alles beobachtet,
aber er konnte sie ja kaum fortschicken, das hätte sicher einen Tumult
hervorgerufen. Sie ahnte natürlich, daß er ungehalten sein würde - und das war
er! Am nächsten Tag bekam sie eine knappe schriftliche Mitteilung, in der ihr
jedes weitere öffentliche Auftreten untersagt wurde. »Gouverneur Rupert hat mir
befohlen, eine Weile zu verschwinden«, kommentierte Maria gegenüber Jekaterina
sarkastisch. »Ich wollte, es gäbe hier ein paar hübsche Ecken, wo wir
Luftveränderung genießen könnten, aber der einzige Ort, der dazu in Frage käme,
sind die heißen Quellen am Nordufer des Baikal-Sees
(Link zu Bildern der heißen Quellen siehe unten*). Unglücklicherweise sind zu
dieser Jahreszeit die ohnehin beschränkten Aufnahmemöglichkeiten durch Kaufleute
und Karawanenbesitzer belegt, die ihre Gesundheit nach den Exzessen der
jährlichen Messe in Kjachta wiederherstellen wollen.«
Eine Zeitlang befürchtete sie, daß der Zwischenfall Mischas Fortkommen in der
Schule behindern könnte, aber zum Glück war Gouverneur Rupert damit beschäftigt,
seine Rückkehr nach Petersburg vorzubereiten, und es gab wichtigere Dinge, um
die er sich vor seiner Abreise kümmern mußte. Mischa kam bei seinen Studien sehr
gut voran; er schloß die Schule 1849 mit einer Goldmedaille ab. Jelena,
allgemein Nellinka genannt, war jetzt vierzehn, ein schönes, dunkelhaariges,
lebendiges Mädchen, das alle gern hatten; sie war der Liebling aller Dekabristen.
Denn inzwischen war es mehreren der alten Kameraden gelungen, die Erlaubnis zur
Übersiedlung nach Irkutsk zu bekommen. Katjuscha Trubezkoj und ihr Mann kauften
ein Haus in der Nähe des Snamenskoje-Klosters, wenige Straßen von den
Wolkonskijs entfernt, wo sie mit ihren Kindern wohnten. Sie hofften, daß der
Sohn die Irkutsker höhere Schule würde besuchen können; die Erlaubnis dazu kam
nach dem Wechsel des Gouverneurs. Der reizenden und gutartigen Katjuscha, einer
hingebungsvollen Mutter und Trubezkoj immer noch anbetenden Ehefrau, ging es
nicht gut; sie hatte Krebs. Sie saß jetzt meistens in einem tiefen Lehnstuhl, in
eine Decke gehüllt und mit einem altmodischen Spitzenhäubchen auf dem grau
werdenden Haar, ließ sich aber nicht anmerken, welchen Schmerz sie empfinden
mußte bei dem Gedanken, daß ihre Kinder ohne sie in Sibirien aufwachsen müßten.
Maria ging jeden Tag zu ihr und verbrachte viele Stunden damit, ihrer Freundin
die Sorgen um die Zukunft zu erleichtern. Um Katjuscha abzulenken, fuhren sie
manchmal zusammen nach Urik, um Sergej zu besuchen und ein paar Tage im
Kamtschatnik zu verbringen. Fürst Trubezkoj erinnerte sich in seinen Memoiren,
wie die Einwohner dort herbeiliefen, »um sie zu begrüßen und ihnen frische Eier
und eben gefangene Fische aus dein Fluß zu schenken«.
An einem schönen Sommertag Ende Juni fuhren sie zu einem Schlammbad, den
berühmten heißen Quellen am Nordufer des Baikal-Sees. Von einem erhöhten Punkt
aus konnte man dort den See in all seiner Herrlichkeit sehen. Die Quellen wurden
von der Provinzregierung als Heilbad für Arthritis- und Rheumakranke und jene
betrieben, die Heilung von »dem wohlbekannten Übel, der >Geißel Sibiriens< «,
suchten. Sie wohnten in einem kleinen Hotel, und im Morgengrauen beobachtete
Maria das verblüffende Schauspiel von wilden Tieren, die »zur Kur« von den
Bergen herabkamen. Man sagte ihr, daß seit unausdenklichen Zeiten Rentiere,
Füchse, Bären, Luchse und Waschbären - die wildlebenden Geschöpfe der nördlichen
Taiga - beim ersten Licht des Tages aus dem Gebirge kämen, um sich wohlig in dem
heilenden Schlamm zu suhlen. Sie schienen der menschlichen Nähe kaum
Aufmerksamkeit zu schenken.
Maria war fasziniert von diesem außergewöhnlichen Anblick. Tiere der Wildnis,
Burjatenstämme, Tschuktschen, die auf Rentieren durch die Wälder ritten - das
waren die Bilder von Sibirien, an die sie sich für den Rest ihres Lebens immer
mit Vergnügen erinnerte. Die beiden Frauen waren auch überrascht über das
erstaunliche Gemüse, das hier im Umkreis von mehreren Meilen gedieh; die
Einwohner schrieben die wunderbare Größe ihrer Produkte den »wohltuenden
Dämpfen« aus den heißen Quellen zu.
Christine
Sutherland
Die Prinzessin von Sibirien -
Maria Wolkonskaja und ihre Zeit
Fischer-TB 5672. Maria Wolkonskaja war die Frau des Fürsten Wolkonskij, die ihrem Mann in die Verbannung gefolgt ist. Mit diesem Buch kann man sehr lebendig die Vorgaenge um den Dekabristenaufstand (z.B. auch die Rolle Puschkins dabei) und das Leben und Wirken der Dekabristen und ihrer Frauen in Sibirien) nachvollziehen.
Das Buch können Sie HIER bei einer befreundeten Versandbuchhandlung bestellen.
Bilder zum Text
Die heißen Quellen am Nordbaikal
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