JURIJ JEVDOKIMOV
vom Waisenjungen zum Waisenhausleiter

VORBEREITUNG AUF EIN SELBSTÄNDIGES LEBEN
Ein neues Modell
für Heimerziehung von Waisen und Sozialwaisen in
Nikolskoje
In Rußland leben heute mehr Kinder in Waisenhäusern als nach dem 2. Weltkrieg. Die meisten von ihnen sind Sozialwaisen, d.h. ihren Eltern wurde das Sorgerecht entzogen, meist wegen Alkoholmißbrauchs verbunden mit Mißhandlungen ihrer Kinder.
Jurij Jevdokimov wuchs im Waisenhaus Nikolskoje bei St. Petersburg auf. Sein
Vater, ein Unterwelts-Boss, starb im Gefängnis an den Folgen des Alkoholentzugs,
seine Mutter ließ ihn einfach im Stich. Damals wie heute gilt in russischen
Waisenhäusern das Recht des Stärkeren. Die Kleinen müssen einen großen Teil
Ihres Essens, Spielzeuge, Geschenke und alle Süßigkeiten an die Großen abgeben
und werden so niemals richtig satt. Wer sich nicht in die straffe Hierarchie
unter den Kindern einordnet oder einfach „anders" ist, wird von den Ältesten
brutal mißhandelt. Nur ganz selten strafen die Erzieher selbst, in der Regel
genügt es, die älteren Kinder dazu anzustiften. Jurij erzählt, daß ihm nach dem
Aufwachsen im Waisenhaus sein Dienst in der Armee, in der das Recht des
Stärkeren ebenfalls stark ausgeprägt ist, wie ein leichter Spaziergang vorkam.
Nach der Armee entschloß er sich, Erzieher und Geschichtslehrer zu werden. Er
wollte Kindern, wie er selbst eines gewesen ist, helfen, in einer menschlicheren
Umgebung aufzuwachsen, in der man sich gegenseitig achtet und hilft.
Während der Ausbildung hatte Jurij zunächst große Probleme, mit dem
selbständigen Leben zurechtzukommen. Im Waisenhaus hatte er die einfachsten
Dinge des Alltags nicht gelernt. Er konnte nicht kochen, waschen, putzen oder
seine Kleidung instandhalten, hatte nie Geld in der Hand gehabt, wußte nicht,
wie man ein Konto eröffnet, eine Rechnung bezahlt, einkauft, öffentliche
Transportmittel nutzt oder welche Rechte und Pflichten er hatte. Auch
Freundschaften zu schließen, war mit vielen Peinlichkeiten verbunden, denn er
wußte nicht, wie man sich außerhalb einer straffen Hierarchie unter „normalen"
jungen Menschen verhält, wie man ein Mädchen anspricht oder wie man sich bei
Freunden zu Hause benimmt. Alle anderen Waisenhauszöglinge seines Jahrgangs
kamen nur in der kriminellen Welt, in der die gewohnte straffe Hierarchie
herrscht, zurecht und gerieten ins Gefängnis.
Mit 32 Jahren wurde Jurij Jevdokimov Leiter „seines" Waisenhauses und ist nun
für über einhundert Kinder verantwortlich. Er verdient so wenig, daß er
größtenteils vom Gehalt seiner Frau leben muß und sie sich daher keine eigenen
Kinder leisten können. Jurij begann sofort, seine Ideen für eine menschlichere
Gestaltung des Lebens im Waisenhaus umzusetzen, oft gegen den massiven
Widerstand der Behörden. Beinahe monatlich muß er von seinem kleinen Gehalt
erhebliche Bußgelder bezahlen, weil er dumme amtliche Regeln, z.B. daß die
Kinder nicht beim Kochen oder Putzen helfen dürfen, einfach außer Kraft setzt.
Innerhalb von zwei Jahren ist es ihm gelungen, das Recht des Stärkeren völlig
abzuschaffen. Jurij hat ein Programm zur Vorbereitung seiner Zöglinge auf ein
selbständiges Leben in der modernen Gesellschaft ausgearbeitet. Für die
Umsetzung benötigt er zusätzliches Personal, vor allem Psychologen und
engagierte Pädagogen. Die Rußlandhilfe möchte dieses Pilotprojekt über einige
Jahre fördern. Wenn es erfolgreich verläuft, wollen wir den Ansatz auch anderen
Waisenhäusern zugänglich machen.
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