IM OSTEN GEHT DIE SONNE AUF
Tim Mergelsberg als Zivildienstleistender am Baikalsee
- ein Bericht aus der Neuen Rottweiler Zeitung -

Baikalsee-Stimmung
ZIVILDIENST IN SIBIRIEN BEDEUTET NICHT NUR DAS ERLEBEN EINER EINMALIGEN NATUR
Im Osten
geht die Sonne auf
- Von Tim Mergelsberg -
„Eine Zigarette verkürzt das Leben um eine Stunde, ein
Glas Wodka um 10 Minuten; einmal zur Arbeit gehen um 8 Stunden!“ Russen lieben
Anekdoten, wie sie Realsatire nennen. Und sie lieben es nicht, zu arbeiten, wie
sie selbst meinen. Trifft jedoch letzteres Vorurteil nicht zu, kann sehr
Konstruktives entstehen.
Manchmal scheint es, als wären die Menschen je weiter östlich, desto mehr mit
ihrem Herz bei der Arbeit. Auf die Suche gemacht, traf ich im Osten Sibiriens
auf eine kleine Gruppe aktiver Menschen, deren Arbeit sich als ein Vorbild über
ganz Russland erhebt: Ein soziales Dorf gibt behinderten Menschen die
Möglichkeit, zu leben. Lebenswert zu leben. Hier beschloss ich, meinen
Zivildienst anzutreten.
Der erste Kontakt mit der östlichen Kultur rührte direkt aus dem Rottweiler
Stadtzentrum: Die Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung lud mich
zu einer Fahrt nach Minsk ein. Seither lässt mich das Leben jenseits der neuen
EU-Ostgrenze nicht mehr los. Seither nehme ich an den regen Austausch zwischen
Rottweil und Minsk teil. Der Weg nach Sibirien war lang und hart. Endlich dann
erreichte ich Irkutsk, das blühende Zentrum Ostsibiriens. Die von Händlern und
adligen Aufständischen in Verbannung geprägte Stadt liegt unweit der Perle
Sibiriens: Dem Baikalsee.
Eingebettet in diese herrliche Umgebung kämpfen emsige Mütter für ihre Kinder:
Von klein auf behindert wurden sie schon früh an den Rand der Gesellschaft
geschoben. Heilpädagogische Impulse aus dem Westen aus der anthroposophischen
Bewegung halfen bei der Verwirklichung des Traumes, ehe das erste Dorfprojekt
seiner Art entstehen konnte: Jugendliche und Erwachsene, die alleine den Alltag
nicht bewältigen könnten, leben gemeinsam und tragen nach ihren Fähigkeiten zum
Dorfleben bei.
Während der Arbeitszeiten wird in der Keramikwerkstatt getöpfert, in der
Holzwerkstatt gesägt und geschliffen und surrt in der Stoffwerkstatt das
Schiffchen durch den Webstuhl. Der große Garten lockt im Frühling zur Einsaat.
Um integrativ zu sein, wird um die Toleranz Behinderter geworben, im nächstem
Jahr soll dort gar ein internationales Jugendcamp stattfinden.
Doch zu märchenhaft klingt es, würde alles wie am Schnürchen klappen. Die
sibirische Lebensrealität ist Raueres gewöhnt. Wenn im Winter die Temperaturen
auf die –40° zugehen, gefriert so mancher Diesel im Tank, fehlt im richtigen
Moment der richtige Rat oder die lebenswichtige Wasserpumpe versagt ihren
Dienst.
Alles Kleinigkeiten, an die man sich nur gewöhnen muss. Für eines deutschen
Seele folgt das völlige Unverständnis, wieso man in solchen Notfällen nicht den
Service rufen kann, weshalb es nicht so klappt, wie es vorgesehen ist. Man
staunt nicht schlecht, wenn ein sibirischer Dorfbewohner aus dem unmöglichen das
best mögliche improvisiert.
Nicht selten stand ich vor diesen zauberhaften Momenten, in denen bei uns manch
einer überfordert aufgegeben hätte, da begann hier erst richtig die
Problemlösung.
Ein Jahr Zivildienst in Sibirien, das heißt nicht nur lernen, dass man im
deutschen Winter mehr friert, als in Sibirien, dass mit Warten schon viele
Probleme ausgestanden wurden, man lernt auch eine völlig andere Wertschätzung
kennen, als wir es gewohnt sind. Als Westler war ich plötzlich der einzige, der
melken kann. Stall und Tierhaltung wurde mir aufgetragen, es folgten die
Holzwerkstatt und schließlich auch Büroarbeit und ein neues Projekt.
Aus Birkenrinde werden in kunsthandwerklicher Feinarbeit traditionelle Döschen
für Tee hergestellt. Eigeninitiative erfordert das Leben am Baikal. Doch dann
wird es zu einem einmaligem Abenteuer, dessen Tiefe erst dadurch zur Geltung
kommt, weil man mit den Naturgewalten gemeinsam lebt und sich diese tagtäglich
in ihrer gewaltigen Schönheit darbieten. Zum Beispiel beim Sonnenaufgang: Im
Osten geht die Sonne auf. Das durfte ich in Sibirien lernen. Daher steht schon
jetzt fest: Ich folge im Herbst erneut der Sonne. In den Osten.
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Schwäbische Zeitung online vom 1. Februar 06
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